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So. 15.10.2017, 11:00
visiris

"Illenau"

Film-Dokumentation über die Heil- und Pflegeanstalt Illenau in Achern zum 175-jährigen Gründungstag.

Von Opfern und Mördern
Offenburger Kino zeigt die Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt Illenau

Stehende Ovationen für die jungen Filmemacher Frank König und Emre Özlü. Mit ihrer Dokumentation über die Heil- und Pflegeanstalt Illenau in Achern trafen sie einen Nerv. Die von SWR-Moderatorin Ursula Nusser präsentierte Premiere am 7. Oktober in der Gedenkstätte wurde zum Triumph.

Mit dem 90-minütigen Film legen die Autoren mehr als ein Stück Ortenauer Geschichte vor. Fast jede Gemeinde war durch in der Illenau vertreten, sei es durch Patientinnen und Patienten, sei es durch Pflegepersonal. Prominentester Insasse war für einige Monate der Volksschriftsteller und Bestsellerautor Heinrich Hansjakob. Seine Erinnerungen bilden auch das textliche Fundament des Films.

Von 1842 an revolutionierte die Illenau die Psychiatrie. Kranke werden nicht mehr einfach nur eingesperrt, verwahrt, unter Kontrolle gehalten. Sie werden therapiert, beschäftigt, integriert – als Mitmenschen behandelt. Im Laufe der Jahre wird aus der Anstalt auch ein Wirtschaftsfaktor. Ackerbau, Viehzucht, Wäscherei, Energieerzeugung.

„Die Illenau“ wird geradezu sprichwörtlich in der Region – und über die Grenzen Badens und Deutschlands hinaus berühmt. Für finanzkräftige Patienten – etwa aus dem russischen Adel – wird es geradezu Mode, sich hier behandeln zu lassen.

Umso drastischer mutet das Ende der Heil- und Pflegeanstalt an. In der Nazizeit wird
sie vom Schutzraum für die Hilfsbedürftigen zur Todesfalle. „Wohin bringt ihr uns?“
Die bange Frage eines zur Vernichtung vorgesehenen Mädchens an den von den
Nationalsozialisten eingesetzten Anstaltsleiter bleibt unbeantwortet. Weit über 200
Patienten werden in den berüchtigten grauen Bussen in die Vernichtungsanstalt
Grafeneck deportiert und dort noch am Tage der Ankunft ermordet. Die Angehörigen erhalten Schreiben mit fingierten Todesursachen.

Zum 175. Jahrestag der Gründung haben die Filmemacher nun Spuren von Ärzten und
Patienten, von Opfern und Mördern gesucht, widmen sich auch der Kriegs- und
Nachkriegsgeschichte einer Einrichtung, die nach der Räumung zu einem
multifunktionalen „schlossartigen Gebäudekomplex“ geworden ist.

Packende Bildsprache, bewegende Spielszenen, Interviews mit Zeitzeugen und der
Illenau verbundenen Menschen – die Dokumentation verknüpft die Stränge von 175 Jahren badischer, deutscher, europäischer Geschichte.